Der Mann in der Krise

Die letzten Jahrzehnte der weiblichen Emanzipation haben unter vielen Männern zu einer grossen Verunsicherung geführt. Vorbei sind die Zeiten der klaren Rollenverteilung, Frau zu Hause, Mann ernährt Familie. Das Rollenbild ist viel unschärfer geworden, dementsprechend schwieriger ist es gerade für Männer, ihre Rolle in Familie, Beruf und Gesellschaft zu finden und sich darin wohl zu fühlen. Dazu kommt, dass die meisten der heutigen Männer ohne richtige männliche Vorbilder und Bezugspersonen heranwuchsen. Dies deshalb, weil die überwiegende Mehrheit mit Vätern aufgewachsen ist, die keine gesunde emotionale Beziehung zum Sohn entwickeln konnten. Sie waren im besten Fall physisch mehr oder weniger anwesend, konnten in dieser Zeit aber aus welchen Gründen auch immer dem Sohn nicht aufzeigen und vorleben, was es heisst, Mann zu sein, mit seinen Emotionen umzugehen, sich seinen Ängsten zu stellen oder dem Sohn Trost und Orientierung geben, ihn in seiner Mannwerdung unterstützen. Die wenigsten Männer unter uns können sich heutzutage daran erinnern, dass sie vom Vater in den Arm genommen wurden, wenn sie als Kind traurig waren oder dass sie in schwierigen Situationen auf den väterlichen Rat zählen konnten, geschweige denn, dass sie der Vater an den Umgang mit spezifisch männlichen Eigenschaften wie Aggression, Zielgerichtetheit oder das aktive Sein generell herangeführt hätte.

Weil der Vater diese wichtige emotionale Nahrung und Bindung nicht geben konnte, holten sich die Jungen diese natürlicherweise bei der Mutter, der wichtigsten weiblichen Bezugsperson. Diese konnten dem kleinen Jungen und Jugendlichen sicher vieles mit auf den Weg geben, jedoch nicht, was es heisst, Mann zu sein, seine Männlichkeit zu leben und das männliche Profil in sich zu schärfen.

Im Zuge dessen haben sich viele Männer je länger je weiter von ihrer männlichen Urkraft, der Essenz des Männlichen, entfernt. Die Ausprägungen sind dabei ganz unterschiedlich. Im Extremfall lassen sich zwei Ausprägungen auseinander halten: auf der einen Seite das Weichei von Mann, welches sich emotional dem Weiblichen unterordnet, die Entscheidungen der Partnerin überlässt, sich dabei oft emotional zurückzieht und es  nicht schafft, für sich selbst zu agieren und eine eigene Vision für sein Leben zu erarbeiten. Auf der anderen Seite der Macho, der sich hart macht, sein Ding durchzieht, seine Ziele ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer verfolgt und scheinbar erfolgreich durchs Leben geht, meist aber irgendwann spürt, dass etwas an emotionaler Nähe, Glück oder Geborgenheit im Leben fehlt.

Beiden Extremen ist dabei eines gemeinsam: sie befinden sich weit weg von ihrer Mitte, vom Ort des inneren Wohlfühlens und der inneren Harmonie. Die betreffenden Männer spüren sich selber und ihre Bedürfnisse nicht mehr und werden mit der Zeit immer unzufriedener.